„Wir müssen wieder schneller spielen!“

Hier spricht der Coach! Im ausführlichen Sommer-Interview erklärt Thorsten Leibenath sein Learning aus der Saison 2017/18, erläuter Trends im deutschen Basketball und macht deutlich, warum er in der kommenden Spielzeit wieder mehr aufs Tempo drücken will.

Thorsten, du bist seit 2011 in Ulm und aktuell der „dienstälteste“ Trainer der easyCredit BBL. Was reizt dich nach wie vor an deiner Arbeit in Ulm?
ratiopharm ulm ist ein Verein, der sich unglaublich entwickelt, gleichzeitig aber die Ruhe bewahrt und nicht in Aktionismus verfällt. Wie dieser Spagat gelingt, gefällt mir. Wir hatten letzte Saison eine Delle in unserer Entwicklung, was den Profibereich angeht. Die ist aber immer möglich – erst recht, weil wir stetig mit einer hohen Fluktuation an Spielern zu kämpfen haben. Diese Delle sehe ich aber nicht in der Gesamtentwicklung des Vereins. Und deswegen fühle ich mich hier sehr wohl.

Wo siehst du aktuell das größte Entwicklungspotenzial – wo passiert am meisten?
Ich glaube, strukturell passiert die ganzeZeit unglaublich viel. Wenn man sieht, wie wir unsere Nachwuchsarbeit immer weiter professionalisieren und wie viel Anerkennung wir dafür von anderen bekommen, dann habe ich das Gefühl, da ist sehr viel Zug dahinter. Da ist trotzdem noch so viel mehr drin, obwohl wir in meinen Augen schon jetzt eines der Top-Vier-Jugendprogramme in Deutschland haben und der einzige Verein sind, der zwei NBBL- und JBBL-Teams stellt. Ich sehe bei allen Beteiligten den Drang, dieses Potenzial noch mehr auszuschöpfen. Keiner in Ulm gibt sich mit dem Erreichten zufrieden. Den Abstieg der OrangeAcademy in die ProB begreifen wir als Chance – denn jetzt können wir noch jünger spielen. Und wir sehen die Früchte dieser Arbeit, beispielsweise in der Entwicklung von David Krämer oder Till Pape, der immer unter dem Radar geflogen ist. Auch Joschka Ferner hat sich sehr stark entwickelt – wenngleich er in dieser Saison ein bisschen darunter gelitten hat, dass David eine noch bessere Entwicklung vollzogen hat. Wenn ich sehe, dass wir es geschafft haben, Spieler, die nicht in der Kategorie Elite-Nachwuchs standen – wie Paul Zipser, Isaac Bonga, Isaiah Hartenstein etc. – trotzdem ganz klar Richtung Bundesliga-Spieler zu entwickeln, dann ist das etwas, worauf der Verein sehr stolz sein kann.

Zurück zu dir. Seit letzten Sommer bist du verheiratet und Vater einer Tochter. Wie hat sich dein Leben seitdem verändert?
Für mich ist das Leben besser geworden. Undes war vorher schon richtig gut. Ich habe nur das Problem, dass mir Zeit fehlt. Die hat mir zwar vorher schon gefehlt, gerade weil ich in Ulm lebe, viel arbeite und dadurch Freunde und Familie ein wenig auf der Strecke bleiben. Da ich jetzt definitiv mehr Zeit für meine Familie hier in Ulm finden muss, wird alles andere etwas komplizierter – natürlich auch Freizeitaktivitäten wie Sport und Konzertbesuche. Meine Lösung ist, einfach den Schlaf zu reduzieren, dann finden sich doch noch Gelegenheiten.

Wie geht deine Frau damit um, dass du als Person des öffentlichen Lebens 24/7 im Interesse der Menschen stehst?
Ich glaube, für jemanden, der das nichtkennt oder gewohnt ist, ist das schwierig. Ich habe schon den Eindruck, dass sich meine Frau wünschen würde, ich würde ab und zu nicht in der Öffentlichkeit stehen. Deswegen sind mir Auszeiten so wichtig. Ich hoffe Ende Juli Urlaub machen zu können. Diese Zeit nutze ich dann auch ganz intensiv. Da ich ein bisschen weniger Urlaub und deutlich weniger freie Wochenenden habe als der Otto-Normal-Angestellte, muss ich in solchen Phasen versuchen, äußere Einflüsse zu vermeiden, die dann wieder an meinen Job erinnern. Und das kann ich am besten, indem ich wegfahre. Das Handy mache ich allerdings fast nie aus.

Als du 2011 als 36-Jähriger in Ulm ankamst, haftete dir ein bisschen das Image vom „netten Herrn Leibenath“ an. Abgesehen vom Alter: Inwiefern haben dich die letzten sieben Jahre geprägt?
Ich hoffe, dass Menschen immer noch von mir sagen, dass ich nett bin. Nett ist für mich ein positiv besetztes Attribut. Ich fühle mich in Ulm sehr wohl. Ich arbeite hier richtig gern. Ich bin nach wie vor der festen Überzeugung, dass ich privilegiert bin hier Trainer zu sein. Wir haben in Ulm viel erreicht, worauf ich stolz bin. Und wir haben noch viel vor. Außer, dass ich ein bisschen älter geworden bin und mir meine Frau mittlerweile graue Haare ausreißt, habe ich mich nicht viel verändert. Ich habe auch nie den Wunsch gehabt, mich menschlich zu ändern. Ich hoffe, dass die Leute weiterhin von mir sagen können, der Thorsten ist nett.

Bei der Teamverabschiedung direkt nach der Saison 2017/18 hatte Per Günther sichtlich Schwierigkeiten, Momente und Erlebnisse zu benennen, die ihm von dieser Saison in Erinnerung bleiben. Was ist dir rund zwei Monate nach dem Saisonaus im Gedächtnis geblieben?
Mir bleibt in Erinnerung, dass es in meinen elf Jahren als Head Coach im Profibereich die zweite Saison mit einer negativen Siege-Niederlagen-Bilanz war. In meinem zweiten Jahr als Head Coach – mein erstes Jahr in der BBL – war ich in Gießen und hatte ebenfalls eine Losing Season. Danach gab es acht Jahre in Folge, die Winning Seasons waren mit dem Peak vor zwei Jahren. Die negative Bilanz in der letzten Spielzeit bleibt also bei mir im Gedächtnis. Und das ist für mich ein immenser Ansporn.

Wie beurteilst du persönlich deine Arbeit in der Saison 2017/18? Hast du Fehler gemacht?
Jeder, der etwas Anderes antworten würde als Ja, würde lügen. Ich habe aber auch in dem Jahr, in dem wir mit 27 Siegen in die Saison gestartet sind, Fehler gemacht. Dass diese dann vielleicht nicht ganz so auffallen, liegt auf der Hand. Kann ich die Fehler quantitativ einordnen, habe ich letztes Jahr mehr Fehler gemacht, habe ich gravierendere Fehler gemacht – das weiß ich nicht. Auf jeden Fall habe ich welche gemacht. Das liegt in der Natur des Menschen und der Arbeit. Viel spannender ist, was ich nächstes Jahr möglicherweise anders machen kann. Diese Frage stelle sich mir viel dringlicher. Ich investiere deutlich mehr Zeit in die Überlegungen, was besser gemacht werden muss.

Interview: Florian Eisebitt & Martin Fünkele
Fotos: Ulf Duda, Alexander Fischer, Marcel Merli,

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